Fast drei Viertel aller Tierarten in Deutschland sind Insekten. Sowohl die Gesamtmenge der Insekten als auch die Vielfalt der Insektenarten in Deutschland sind stark zurückgegangen. Dies belegen die Roten Listen und zahlreiche wissenschaftliche Studien. Selbst in Schutzgebieten gibt es mehr als 70 Prozent weniger Insekten als vor rund 30 Jahren. Bei den Wildbienen, die für die Bestäubung besonders wichtig sind, sind 41 Prozent in ihrem Bestand gefährdet. Insekten sind für unsere Ökosysteme, für die Bestäubung von Pflanzen, für Nährstoffkreisläufe, den Abbau organischer Masse, die biologische Schädlingskontrolle, die Gewässerreinigung und die Erhaltung der Bodenfruchtbarkeit unverzichtbar.

Nun liegen erste Maßnahmenvorschläge für das im Koalitionsvertrag festgeschriebene „Aktionsprogramm Insektenschutz“ vor. Das Aktionsprogramm soll im Frühsommer im Kabinett verabschiedet werden und soll die Lebensbedingungen für Insekten wieder verbessern und einen Beitrag zur Erhaltung der biologischen Vielfalt in Deutschland leisten. Es umfasst u.a. folgende Maßnahmen:

Insektenschutzgesetz bündelt notwendige Rechtsänderungen

Angesichts der vielfältigen und komplexen Ursachen des Insektenrückgangs setzt das Aktionsprogramm Insektenschutz auf ein Bündel verschiedener Maßnahmen – von Rechtsänderungen über finanzielle Förderung, Empfehlungen und Leitlinien bis hin zu Monitoring und Forschung. Wichtige Rechtsänderungen sollen in einem Insektenschutzgesetz zusammengefasst werden und Änderungen im Naturschutzrecht, im Pflanzenschutzrecht, im Düngerecht sowie im Wasserrecht enthalten.

Insektenfreundliche Landwirtschaft fördern

Mehr als die Hälfte der Fläche Deutschlands wird landwirtschaftlich genutzt. Damit spielt die Agrarlandschaft eine besondere Rolle bei der Bereitstellung von Lebensräumen für Insekten. Lebensräume für Insektenarten der Agrarlandschaft gehen immer mehr verloren. Notwendig ist ein Umsteuern in der Landwirtschaft und eine klügere Agrarförderung. Es soll eine Landwirtschaft gefördert werden, die den Insekten nicht schadet, sondern ihr Überleben ermöglicht. Das Bundesumweltministerium setzt sich daher für eine Verbesserung der Naturschutzfinanzierung ein, insbesondere im Rahmen der Gemeinsamen Agrarpolitik der EU. Landwirtinnen und Landwirte sollten für das honoriert werden, was sie für die Gesellschaft, für Natur und Umwelt leisten.

Anwendung von Pestiziden mindern

Mit dem Aktionsprogramm Insektenschutz sollen die negativen Auswirkungen auf Insekten durch Pestizide aller Art, d.h. sowohl von Pflanzenschutzmitteln als auch von Bioziden, deutlich verringert werden. Dafür soll es klare Vorgaben für eine umwelt- und naturverträgliche Anwendung von Pestiziden und eine deutliche Reduzierung des Eintrags von Pestiziden und anderen Schadstoffen in Insektenlebensräume geben.

Konkret soll der Bund bis 2021 die Berücksichtigung des Insektenschutzes im Zulassungsverfahren und in der Zulassungspraxis von Pflanzenschutzmitteln verbessern. Das Aktionsprogramm sieht auch die komplette Beendigung von Glyphosat bis 2023 vor. Das Bundesumweltministerium wird sich dafür stark machen, dass bestimmte Neonikotinoide EU-weit im Freiland verboten werden.

Finanzierung und Forschung ausbauen

Pro Jahr sollen 100 Millionen Euro für die Förderung von Insektenschutz vor allem in der Agrarlandschaft und für den Ausbau der Insektenforschung ausgegeben werden. Ziel ist eine Vertiefung der Forschung über Insekten, ihre Verbreitung, Bestände, die Qualität und Quantität der erbrachten Ökosystemleistungen sowie über das Ausmaß und die Ursachen von Bestandsveränderungen. Der Bund wird dazu u.a. bis 2019 gemeinsam mit den Ländern ein bundesweites Insekten-Monitoring entwickeln und ab 2020 erproben und umsetzen.

Lebensräume für Insekten schützen und wiederherstellen

Außerhalb der Agrarlandschaft befinden sich zahlreiche Lebensräume von Insekten in einem schlechten Zustand oder sind gänzlich verschwunden. Diese sollen wiederhergestellt und ihre Qualität verbessert werden. Gelingen soll dies durch eine insektengerechte Pflege von Landschaftselementen und Saumstrukturen sowie die bessere Vernetzung bestehender Lebensräume. Dafür sieht das Aktionsprogramm Insektenschutz neben Maßnahmen in der Agrarlandschaft u.a. Maßnahmen für eine insektenverträglichere Waldbewirtschaftung oder eine naturnahe Pflege städtischer Grünflächen (Masterplan Stadtnatur) vor.

Lichtverschmutzung reduzieren

Nachtaktive Insekten werden von künstlichen Lichtquellen angelockt, verenden an der Lichtquelle oder werden dort Opfer von Fressfeinden. Ein solches Verhalten der Insekten an Lichtquellen – beginnend als Anlockung und endend mit dem Tod der Tiere – wird als „Staubsaugereffekt“ bezeichnet. Das Aktionsprogramm Insektenschutz soll dazu beitragen, dass die Lichtverschmutzung insgesamt reduziert wird und eine Umstellung auf insektenfreundliche Lichtquellen erfolgt. Es sollen verbindliche Anforderungen an die Ausgestaltung und den Betrieb künstlicher Lichtquellen geregelt werden, die besondere Bedeutung für den Insektenschutz haben.

Engagement der Gesellschaft befördern

In allen Bereichen der Gesellschaft soll das Engagement für Insekten gefördert und unterstützt werden. Mit dem Aktionsprogramm Insektenschutz sollen neben der öffentlichen Hand auch Wirtschaftsverbände und Unternehmen, Forschung und Bildung, zivilgesellschaftliche Akteure wie Naturschutz- und Umweltverbände, Sport-, Jugend- und Sozialverbände, Kirchen und Religionsgemeinschaften, Jäger, Land- und Forstwirte bis hin zur einzelnen Bürgerin und zum einzelnen Bürger angesprochen, informiert und dazu angeregt werden, aktiv zu werden.

Auf der Internetseite des Umweltministeriums stehen weiterführende Informationen zum Thema Insektenschutz bereit.