Mein Name ist Bchira Tlija. Ich bin am 08. Juli 1985 in Sousse, Tunesien, geboren.
Ich arbeite als Deutschlehrerin bei einer touristischen Fachschule und gehöre der politischen Partei Nationale Konstitutionelle Initiative (arabisch EL MOUBEDRA) an. Wir sind eine Partei der politischen Mitte in Tunesien. Wir stehen ein für Freiheit und Demokratie und kämpfen für ein menschenwürdiges Leben für alle Bürgerinnen und Bürger unseres Landes. Trotz politischer, religiöser, und kultureller Verschiedenheiten streben wir nach der Vereinigung aller Tunesierinnen und Tunesier. Besonders für die Frauenrechte und für die Emanzipation setzen wir uns ein. Seit 2013 gehöre ich dieser Partei an und ich bin stolz, dass ich als Frau meine Meinung frei äußern kann.

Zunächst war ich die Leiterin eines Stadtteilbüros meiner Fraktion. Seit 2016 bin ich außerdem verantwortlich für die politische Bildung von Jugendlichen. Seit neuestem gehöre ich auch dem Frauenausschuss meiner Partei auf nationaler Ebene an und bin seit fünf Monaten gewählte Abgeordnete auf der lokalen Ebene in Akouda, einem Stadtteil von Sousse. Die erfolgreiche Teilnahme an den Kommunalwahlen machen mich und meine Eltern sehr stolz, da sie in eine der wichtigsten Phasen der tunesischen Geschichte gefallen sind. Die Tunesier haben zum ersten Mal nach der Revolution und nach dem Sturz des Diktators Ben Ali lokale Vertreter gewählt Diese Wahl war ein wichtiger Schritt zur Dezentralisierung Tunesiens.

Als junge Politikerin kämpfe ich für einen friedlichen Demokratisierungsprozess in meinem Land. Mein persönliches Ziel ist eine Verbesserung auf lokaler Ebene zu erreichen, denn wir haben in der Vergangenheit viele schlechte Erfahrungen mit dem politischen System machen müssen. Heute gibt es in meinem Land große politische Herausforderungen, denn wir haben eine schleppende Entwicklung der Wirtschaft, eine hohe Zahl von Arbeitslosen und es gibt große soziale Unterschiede zwischen Stadt und Land. Darüber hinaus gibt es viele Probleme im Bereich der öffentlichen Sicherheit, besonders in Bezug auf Extremismus und Terrorismus. Auch bei umweltpolitischen Belangen gibt es noch sehr viel zu tun.

Seit den letzten Wahlen haben die Tunesierinnen und Tunesier große Erwartungen und wünschen sich tiefgreifende Veränderungen. Aber ich bin der Überzeugung, dass sich ein politisches System und eine politische Kultur nicht über Nacht ändern. Besonders in der Kommunalpolitik sehe ich jedoch leichte Fortschritte im Bereich der Demokratisierung unseres Landes. Erkennbar sind beispielsweise Fortschritte in der Genderpolitik. In keinem anderen arabischen Land haben Frauen so viele Rechte wie in Tunesien und in keiner arabischen Gesellschaft sind sie so präsent. Die tunesischen Frauen haben heute zum Beispiel das Recht, nicht-muslimische Männer zu heiraten. Darüber hinaus erleben wir heute eine ernsthafte Debatte über die Gleichberechtigung von Männern und Frauen im Erbrecht. Auch mein persönliches politisches Ziel ist es, die Frauenrechte weiter zu stärken.

Ich möchte immer etwas Neues lernen und meine politischen Kenntnisse vertiefen. Deshalb habe ich mich mit Erfolg für das Internationale Parlaments-Stipendium (IPS) des Deutschen Bundestages beworben. So bin ich seit drei Wochen in Berlin. Das Stipendium ermöglicht mir, viel über den Deutschen Bundestag und das politische System zu lernen. Ich kann beobachten, wie die jahrzehntelang gewachsene Demokratie in Deutschland funktioniert. Es ist eine außergewöhnliche Erfahrung, den Plenarsaal des Deutschen Bundestages zu besuchen und die unterschiedlichen Haltungen und Argumentationen der verschiedenen Fraktionen zu beobachten. Im Rahmen des IPS-Programms haben wir außerdem an Führungen und Workshops teilgenommen, die auch mir die Gelegenheit gaben, nicht nur einen Blick auf das politische System in Deutschland zu werfen sondern auch auf viele andere arabische Staaten. Ich vergleiche alles was ich hier lerne und beobachte mit der entsprechenden Situation in Tunesien, um genau zu wissen, welche Nachteile und Vorteile wir haben und wünsche mir, zukünftig etwas in meinem Land verändern zu können. Besonders positiv finde ich, wie man in Deutschland mit der Aufarbeitung der eigenen Vergangenheit umgeht. Deutschland ist heute eine pluralistische Gesellschaft, in der ethnische, religiöse und andere Minderheiten friedlich leben können. Die Achtung der Menschenrechte ist im Grundgesetz festgeschrieben und wird auch gelebt. Das finde ich sehr interessant und sehr wichtig im Vergleich zur vielen arabischen Ländern.

In der letzten Woche meines Aufenthalts hospitiere ich im Büro der Kreis Klever SPD-Abgeordneten und ehemaligen Umweltministerin Barbara Hendricks. Die Erfahrungen, die ich hier machen kann, werden mir bestimmt bei meiner eigenen politischen Arbeit helfen. Ich habe hier die Möglichkeit, theoretische Kenntnisse mit der praktischen Erfahrungen zu vergleichen und sehe, wie der Alltag in einem Abgeordnetenbüro hier in Deutschland abläuft. Ich habe auch an Sitzungen des Ausschusses für Arbeit und des Tourismus-Ausschusses teilnehmen können und aktuelle politische Debatten aus der Nähe verfolgt. Ich habe Barbara Hendricks als eine Politikerin erlebt, die großes Interesse an jungen, engagierten Menschen hat und bin vom ersten Tag an direkt ins Team integriert worden. Das finde ich super und bin sicher, dass ich viele Informationen, Erinnerungen und Erkenntnisse mit nach Hause nehmen kann.

Glücklicherweise kann ich mich auch mit der SPD gut identifizieren. Viele meiner Mitstipendiaten hatten nicht so viel Glück und sind bei der AfD gelandet.